U 534 – Das tranchierte Lügenboot

von Kai Steenbuck im November 2014 – Mitglied des FTU

Dieser Artikel möchte einen knappen Überblick über die wechselvolle Geschichte von U 534 und dem ihn umgebenden Mythos geben sowie das Museum, in dem das Boot heute ausgestellt wird, beschreiben. Als der Autor als Vorbereitung zu seinem Besuch des Bootes im Sommer 2014 im U-Boot-Archiv bei Horst Bredow nach den Akten zu U 534 fragte, entgegnete dieser sofort: „U 534 – Das Lügenboot“ bezugnehmend auf die Mythen und Gerüchte sowie die zahlreichen Anfragen von verschiedener Seite beim U-Boot-Archiv diesbezüglich. Daraus und aus der wohl offensichtlichsten Eigenschaft des Bootes heute, nämlich dass es in vier Teilen aufgestellt worden ist, ergibt sich der Titel dieses Artikels.

U 534, ein Boot des Typs IX C/40, wurde am 23. Dezember 1942 auf der Bauwerft Deutsche Werft AG in Hamburg von Oberleutnant Nollau in Dienst gestellt. Anschließend verbrachte das Boot fast ein halbes Jahr bei der 4. U-Flottille in Stettin mit Ausbildung und Erprobungen, insbesondere mit dem neuen akustischen Torpedo T V Zaunkönig. Es dauerte allerdings noch bis zum 8. Mai 1944 bis das Boot von Bergen aus zu seiner ersten Feindfahrt auslaufen sollte. Die 98-Tägige Reise führte bis nach Bordeaux, auf ihr wurde das Boot als Wetterboot hauptsächlich südlich von Grönland eingesetzt, so dass kein Angriff auf ein alliiertes Schiff gefahren wurde. Nachdem es in Bordeaux mit einem Schnorchel ausgerüstet worden ist lief U-534 von dort am 25. August, dem Tag der Kapitulation der deutschen Truppen in Paris – die drei nördlicheren deutschen U-Boot-Stützpunkte Brest, Lorient und St. Nazaire waren bereits eingeschlossen – wieder aus. Beim ersten Einsatz des Schnorchels zwei Tage später drangen Abgase in das Boot ein, das, nachdem es zum Durchlüften aufgetaucht war, von einer Vickers Wellington angegriffen wurde. Das Flugzeug konnte abgeschossen werden, ohne das U-534 Beschädigungen davontrug. Nach einer Fahrt von 61 Tagen ohne Angriffe auf oder durch das Boot lief es am 24. Oktober 1944 in Kristiansand ein. Danach verlegte es nach Stettin, wo umfangreiche Werftarbeiten ausgeführt wurden, so dass es erst Anfang Mai 1945 wieder frontklar war.

Am 2. Mai verließ U 534 Kiel in Richtung Norwegen. Als am 4. Mai gegen 16 Uhr die Nachricht von der Teilkapitulation gegenüber der britischen 21. Heeresgruppe einging, befand sich U-534 mit den drei U-Booten des Typs XXI U 3017, U 3503 und U 3523 auf der Reede von Helsingør vor Anker. Da man sich nördlich der Zone, in der die in der Teilkapitulation festgelegten Bestimmungen Gültigkeit besaßen, wähnte, ging man davon aus, dass die Befehle für den Weitermarsch nach Norwegen weiter in Kraft geblieben wären, so dass man die Anker lichtete und gemeinsam weitermarschierte. Schon einen Tag später wurden die vier zusammen marschierenden Boote von 2 britischen B-24 Liberator-Bombern angegriffen. Eine der Maschinen konnte mit der leistungsfähigen 3,7cm Zwillings-FlaK M43U auf DLM 42 Lafette, die nur relativ selten vorwiegend auf U-Booten des Typs IX eingebaut wurden, abgeschossen werden, die andere warf eine Serie von 10 Wasserbomben auf das Boot, die allerdings zunächst alle nicht detonierten, wobei sich eine Wasserbombe auf dem achteren Wintergarten verfing. Durch nahe Explosionen eines weiteren Anfluges fiel diese dann ins Wasser und detonierte unter den Heck von U 534. Durch einen Wassereinbruch lief der Hecktorpedoraum voll und das Boot begann langsam zu sinken, was der Besatzung noch ermöglichte, bis auf 5 Mann im Bugraum das Boot zu verlassen. Diese 5 Mann konnten das Boot später durch die Bugtorpedorohre verlassen, wobei einer dieser Männer beim Auftauchen einen Atmungsfehler beging und durch den dadurch verursachten Lungenriss verstarb. Ein Offizier des Bootes trieb in seinem Ein-Mann-Schlauchboot ab (beziehungsweise ist nach einer Zeugenaussage abgerudert) und ist vermutlich an Unterkühlung verstorben. Ein weiteres Besatzungsmitglied erlag, nachdem die Besatzung durch ein deutsches Wachschiff aufgenommen worden ist, seinen bei dem Fliegerangriff als FlaK-Bedienung erlittenen Verletzungen.

1977 wurde das Wrack von U 534 vom dänischen Taucher Aage Jensen gefunden, dieser vermutete ein aus Wolfram, Gold, Schmuck und Edelsteinen bestehenden Schatz, dessen er Wert auf ca. 15 Millionen Euro schätzte an Bord. Außerdem war er der Meinung, dass sich 38 zivil gekleidete Personen befunden hätten, die er für flüchtende Nazigrößen hielt. Da Aage Jensen aber nicht über die Geldmittel verfügte, um das Boot zu heben – er wusste, dass keine Besatzungsmitglieder an Bord verblieben waren und das Wrack daher kein Kriegsgrab war – musste er einen Geldgeber suchen, den er schließlich 1993 im dänischen Verleger Karsten Ree auch fand. Dieser teilte auf einer Pressekonferenz mit, dass das Bergungsunternehmen für ihn nur ein Geschäft mit kalkulierten Risiken, nicht aber einen naiven Idealismus oder ein Hobby in großem Maßstab darstellen würde. Er wollte das Boot restaurieren und anschließend der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Nach Klärung der Eigentumsrechte an dem Wrack wurde am Morgen des 23. August 1993 durch eine holländische Bergungsfirma mit dem Heben des Wrack begonnen, welches anschließend zunächst ins dänische Hirtshals verbracht wurde, wo Schlamm, die Torpedos und eine größere Menge Artefakte aus dem Boot entfernt wurden. Der Schatz, den Aage Jensen an Bord vermutete, wurde selbstverständlich nicht im Boot gefunden. Auf verschiedene Anfragen beim U-Boot-Archiv zwischen 1977 und 1993 wurde so auch stets geantwortet, dass sich garantiert kein Nazischatz oder irgendwelche Nazigrößen an Bord befunden hätten.

Karsten Ree schien entgegen seiner Angaben doch auf das Auffinden des Schatzes an Bord gehofft zu haben, da er nach Bergung des Wracks, die ca. 5 Millionen Euro gekostet hatte, nun doch keine Neigung zeigte, das Boot wie mitgeteilt als ein Museum herzurichten. Statt dessen verkaufte er das Boot für einen symbolischen Betrag an den britischen Warship Preservation Trust.

 

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Die Sammlung des Warship Preservation Trust in Birkenhead vor dem Jahr 2006 (CC BY-SA 3.0 Foto von Chris Howell)

Nachdem U 534 vom Warship Preservation Trust erworben wurde, wurde es 1996 nach Birkenhead in England verbracht. Die Treuhandgesellschaft „Warship Preservation Trust“ wurde nach der Rückkehr der britischen Kampfgruppe aus dem Falklandkrieg im Jahre 1982 gegründet, um zunächst einige Schiffe der britischen Marine, die an diesem Konflikt teilgenommen hatten, für die Nachwelt zu erhalten. 1988 wurde der Gesellschaft zunächst die HMS Plymouth vom britischen Verteidigungsministerium geliehen und in Plymouth der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Nachdem beträchtliche Spendengelder beim Warship Preservation Trust eingegangen waren, war es diesem nicht nur möglich, die HMS Plymouth zu kaufen, sondern auch die HMS Onyx, ein U-Boot der Oberon-Klasse, das ebenfalls am Falklandkrieg teilgenommen hatte. Später konnte der Warship Preservation Trust noch ein Landungsboot, das an der Landung in der Normandie teilgenommen hatte sowie ein Minensuchboot das von Prinz Charles kommandiert worden ist erwerben. Die erworbenen Schiffe wurden inzwischen nach Birkenhead verbracht, wo sie an den Docks von Birkenhead vertäut der Öffentlichkeit zugänglich waren. Lediglich U 534 war in unmittelbarer Umgebung an Land aufgestellt. Anfang 2006 wurde dem Warship Preservation Trust mitgeteilt, dass die Kriegsschiffsammlung nicht mehr länger an ihrem angestammten Platz vor einem denkmalgeschützten Getreidespeicher, der ausgebaut werden sollte, liegen bleiben könnten. Die Suche nach einem neuen Liegeplatz blieb allerdings erfolglos und so musste der Warship Preservation Trust abgewickelt werden. Die Ausstellungsstücke fielen zunächst der Mersey Docks and Harbour Company zu.

Während die HMS Plymouth und die HMS Onyx trotz Rettungsversuchen abgewrackt worden sind und die Zukunft der beiden anderen Boote ungewiss war beziehungsweise ist, wurde U 534 im Juni 2007 von Merseytravel erworben, um es am Woodside Fährterminal auszustellen. Merseytravel ist ein Unternehmen das vor allen Dingen den öffentlichen Personennahverkehr der städtischen Region von Liverpool zur Verfügung stellt, allerdings auch unter anderem für lokale Wirtschaftsförderung und die Beratung der lokalen Administration in Verkehrsfragen zuständig ist.

U 534 vom Mersey aus gesehen
U 534 vom Mersey aus gesehen

Nachdem das Unternehmen U 534 im Juni 2007 erworben hatte, wurde es zunächst, um den Transport zu erleichtern durch vier Schnitte in fünf Teile geteilt. Die Schnitte wurden mit einer großen Diamant-Seilsäge durchgeführt, wobei die Arbeiten ungefähr einen Monat, beginnend am 6. Februar 2008, dauerten. Diese Seilsäge konnte selbst feinere Strukturen des Bootes wie dünnere Rohre oder Kabel sehr glatt durchtrennen.

Am 10. März konnte damit begonnen werden, die einzelnen Teile mit einen Schwimmkran zum Woodside Fährterminal zu transportieren, wobei sich der Transport über mehrere Tage erstreckte.

Unterdessen hatte sich das Unternehmen entschlossen, das Boot nicht komplett wieder zusammenzusetzen, sondern das Boot, nachdem lediglich zwei Teile wieder zusammengesetzt wurden, in vier Teilen auszustellen, um dem Publikum einen leichteren und besseren Einblick in das Boot möglich zu machen.

Nach Abschluss von Baumaßnahmen, die auch die Errichtung eines Gebäudes zur Aufnahme der Ausstellung zu U 534 sowie den Nachbau des Turmes mit der Brücke beinhalteten, konnte die nun so genannte „U-Boat Story“ am 10. Februar 2009 eröffnet werden. Bei der offiziellen Eröffnungsfeier am 27. März 2009 erhielt Karsten Ree auch schließlich den symbolischen Kaufpreis für das Boot in Form eines Euros.

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Die beiden vorderen Teile von U 534 mit einem T XI

 

Die beiden mittleren Teile des Bootes wurden in einem Abstand von ca. 4m zueinander in einer Flucht aufgestellt. Die nach der Hebung neu angefertigte Turmverkleidung wurde vor dem Zerschneiden des Bootes entfernt und in einem Stück belassen. Sie wurde dann auf die beiden mittleren Teile aufgesetzt. Das vordere und hintere Teil befinden sich leicht angewinkelt neben den anderen Teilen.

Der Bereich der Schnittflächen zwischen der Außenhülle beziehungsweise dem Oberdeck und dem Druckkörper wurde mit Platten verkleidet, im Innenbereich des Druckkörpers gewährt eine Glasscheibe Einblick in das Innere, das nicht restauriert wurde, sondern noch in dem Zustand nach der Entfernung des Schlamms und der Artefakte belassen wurde. Unter einem circa einem Meter überstehenden, halbrunden Dach befinden sich Informationstafeln.

Zwischen dem vorderen und achteren Teil befindet sich der Nachbau des Turmes von U 534, der über eine Rampe begehbar ist. Dieser Nachbau ist nicht besonders detailliert, er soll dem Publikum nur einen ungefähren praktischen Eindruck davon liefern, wie es ist, auf der Brücke eines U-Bootes vom Typ IX zu stehen. Im Bereich der vier Teile von U 534 hält sich ein Mitarbeiter des Museums auf und steht dem Publikum für eventuelle Rückfragen zur Verfügung.

Ungefähr mittig zwischen den 4 Teilen von U 534 befindet sich einer von 3 an Bord gefundenen T XI Zaunkönig II, von denen insgesamt nur 38 Stück gebaut worden sind, mit Vierfach-Storch Kopfteil allerdings ohne die sonst übliche Kortdüse. Diese Torpedos waren in erster Linie entwickelt worden, um die Schraubengeräusche des Ziels von teilweise nachgeschleppten Geräuschbojen unterscheiden zu können.

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Der Wasserbombenschaden am Heck von U 534

Am achteren Teil des Bootes lässt sich an steuerbord sehr gut die Beschädigung durch eine von einer Liberator-Maschine abgeworfene Wasserbombe erkennen, die ursächlich für das Sinken von U 534 gewesen ist. Im Bereich über der Schraubenwelle zwischen Wellenhosen und Schraube ist die Außenhaut bis zu 20 cm eingedrückt und zum Teil auch eingerissen.

Die Ausstellung von U 534 zeigt zum einen in großen, an der Wand befindlichen Vitrinen eine kleine Auswahl der insgesamt viereinhalb Tonnen an Artefakten, die aus den Boot geborgen wurden. Hierunter befinden sich neben der – fast schon obligatorischen – Schlüsselmaschine Enigma auch einige persönliche Gegenstände der Besatzung. Die Artefakte werden in regelmäßigen Abständen ausgetauscht, um die Ausstellung interessant zu halten und zu mehrmaligem Besuch anzuregen. Zum anderen gibt es, wie auch bei U 505 in Chicago einige interaktive Ausstellungsstücke, die allerdings kaum tieferes praktisches Wissen um die Funktionsweise eines U-Bootes vermitteln können. Ein Tauch-Simulator, bei dem ein U-Boot-Modell mit zwei Tauchtanks, die durch zwei Regler geflutet oder ausgeblasen werden können, in der Waage gehalten soll, sei hier als Beispiel genannt werden. Ein ca. 10 minütiger Film und Audioaufzeichnungen von Besatzungsmitgliedern runden das Informationsangebot ab.

In der Ausstellung wird natürlich der U 534 immer noch umgebende Mythos hervorgehoben, sicherlich auch um Besucher anzulocken. So inspirierte dieser Mythos beispielsweise auch den britischen Autor David A. Thorpe zu seinem im Februar 2013 erschienenen Roman „The Gold on Board the U 534“.

Kritiker mögen einwenden, dass das Boot durch das Zerschneiden als solches zerstört wurde, allerdings wäre die Alternative zur Ausstellung in der jetzigen Form durch Merseytravel die Abwrackung und damit die komplette Zerstörung des Bootes gewesen. Die Querschnitte durch das Boot erlauben außerdem einzigartige Einblicke in seine Konstruktion. Der Eintrittspreis erscheint mit 6,50 £, was umgerechnet 8,30 € entspricht angesichts der Kosten für die Ausstellung recht moderat.


Siehe auch den Artikel von Horst Bredow unter der Rubrik “Zeitzeugenberichte” Das Geheimnis von U 534.

Weblinks:

Website der U-Boat Story (nur auf Englisch)

http://www.u-boatstory.co.uk/

Artikel über U-534 mit Bildergalerie (nur auf Englisch)

http://www.atlantik-pirat.com/U-534page2.htm

Kai Steenbuck, November 2014

email: steenbuck@foni.net