Matrose Sonja meldet sich an Bord zur Stelle

In der aktuellen Zeit des Weihnachtsschinkens wollen wir über Sonjas Rolle in der Geschichte des Seekrieges berichten. Nicht einmal das deutsche Militärhauptquartier wusste von Sonjas Existenz. Was sie für den Kampfgeist an Bord bedeutete, berichtet der damalige LI Hans Monser.

Sonja war ein richtiges Schwein, um es genau zu sagen. 52 Mann des deutschen U-Bootes U 992 erinnern sich an sie mit ein wenig Wehmut. Vielleicht trug sie dazu bei das U 992 den Krieg überlebte.

Das Schweinchen Sonja wurde als heimlicher Matrose an Bord geschmuggelt. Der Besatzung fehlte ein Maskottchen und man dachte an ein Glücksschweinchen. Der damalige LI Hans Monser erzählt:

Es ist eine wunderbare, wahre Geschichte mit einem Schwein in der Hauptrolle. Wenn Freunde und Bekannte mich bitten über die Dramatik des Krieges zu berichten, so erzähle ich eigentlich nur die Geschichte von Sonja. Ihre Rolle überglänzte sogar die Dramatik des Krieges. Sonja half uns, den Mut nicht sinken zu lassen. Bei unseren Treffen erinnern wir uns noch immer an sie.

Da Ganze begann in einer Kneipe in Hamburg. Der Krieg wütete und das Boot lag zum Auslaufen bereit. Die Stimmung war gedrückt und wir dachten an die Zukunft. Irgendjemand machte den Vorschlag, ein lebendes Maskottchen an Bord zu nehmen, ja, warum eigentlich nicht ein Glücksschweinchen?

Der Masch. Gfr. Manfred Friedrich erzählte, dass zu Hause auf dem Hof in Thüringen kleine Ferkelchen zur Welt gekommen waren. Der junge Mann bekam den „Befehl“ so ein Glücksschweinchen zu holen.

Wichtige Dienstreise

Ich erinnere mich, dass ein Dokument für eine wichtige Dienstreise – genannt Spezialauftrag – ausgefertigt wurde, sagt Monser. Der Spezialauftrag „wichtige Dienstreise“ wurde vom Obersteuermann Heinrich Hoffmann, den Masch. Gfr. Manfred Friedrich und Günter Heinz sofort durchgeführt. Ein paar Tage später kam das kleine schwarze Schweinchen an Bord.

Das neue Besatzungsmitglied musste natürlich einen Namen haben. Nach langen Diskussionen einigte man sich: An Bord hatten wir einen richtigen Casanova, Gottfried Merfels. Seine neueste Eroberung war eine üppige Hamburger Blondine mit Namen Sonja. Teils zum Spaß, teils um unseren Casanova etwas zu ärgern, nannten wir unser schwarzes Glückschweinchen Sonja.

Wer das extrem harte Leben auf einem U-Boot kennt, kann sich wohl denken, wie schwer es unsere Sonja zu Anfang hatte, berichtet Monser. Nach und nach gewöhnte sie sich doch sehr gut ein. Matrose Sonja war klug und gelehrig. Im Dienst war sie außerordentlich vorbildlich.

Natürlich wollte Sonja stets im Mittelpunkt sein und sie trat auf wie eine Königen. Sie konnte aber auch gehorchen, wenn es darauf ankam. Sie kannte bald sämtliche Kommandos.

Für Sonja war der Ernst des Krieges ein Spiel. Wenn es hieß: „Alle Mann voraus“, so wusste Sonja Bescheid. Das Boot musste schnell tauchen. Sonja sauste zusammen mit den Besatzungsmitgliedern voran. Sie begriff sehr schnell, dass sie durch die Luken springen musste. Bevor sie diese Technik jedoch richtig beherrschte, schrie sie herzzerreißend, bis ihr die Kameraden durch die Luke halfen. Sie glaubte das Ganze sei ein Spiel.

Die Mahlzeiten nahm Sonja gemeinsam mit uns ein. Sie fand das Soldatenleben natürlich und angenehm. Angst und Schrecken waren ihr fremd. 52 Mann merkten, dass auch ein Schwein Zuneigung zeigen kann.

Wir wurden richtig gute Freunde, berichtete Monser. Sonja liebte besonders die Kaffeepausen. Sie bekam Kondensmilch und ich kann mich noch heute an ihr genussvolles Schmatzen erinnern. Sonja war sehr bald „stubenrein“. Sie bekam für ihre Bedürfnisse einen kleinen Kasten. Ein Problem für mich war, das sie sich ausgerechnet meine Koje als Schlafplatz ausgesucht hatte. Es war schwer sie davon zu überzeugen, dass sie sich einen anderen Schlafplatz suchen musste.

Das U-Boot wurde zu eng für Sonja

U-Bootmatrose Sonja bestand darauf, beim Landgang mit dabei zu sein. Sie marschierte in der Reihe mit. Überall machte die Bevölkerung große Augen. Wochen und Monate vergingen und Sonja wurde immer umfangreicher. Sie entwickelte sich von einem kleinen Ferkelchen zu einem ausgewachsenen Schwein in einer Gewichtsklasse um 120 kg.

Wir bekamen große Schwierigkeiten, sie durch das Turmluk zu hieven, denn sie brauchte ja schließlich auch mal frische Luft. Eine Tages begriffen wir, dass wir uns von unserer voll entwickelten Dame trennen mussten. Es würde uns schwer fallen, denn inzwischen war sie fast eine der Unseren geworden.

Die Endscheidung fiel in Stavanger. Einige unserer Kameraden saßen bei einem Drink in der Bar des Soldatenheims. Dort hatte man Sonja bereits ins Herz geschlossen. Wir entschieden uns also, Sonja dort zu lassen. Wir hatten keine andere Wahl, sie hätte wirklich eine Tages im Turm stecken bleiben können. Sonja musste also abmustern, so schwer es uns auch fiel, denn sie hatte uns Glück gebracht.

Ihr fehlten die Kameraden

Als der Krieg zu Ende war, sollte das Boot vor der Irischen Küste versenkt werden. Nichts von der Einrichtung durfte gerettet werden. Nicht einmal die Holztafel, die Sonja darstellte und an der Wand hing. Auf dieser Tafel hatten wir die Namen der Schiffe eingezeichnet, die wir versenkt hatten. Ein kanadischer Offizier eskortierte Sonjas U-Boot auf seiner letzten Reise. Er fand heraus, dass sein früheres Schiff ebenfalls auf der Tafel verzeichnet war. Wir hatten ihn also ins unfreiwillige kalte Bad geschickt. Er wollte die Tafel als Andenken mit nach Hause nehmen. Sein Kommandant gestattete es ihm jedoch nicht.

Über Sonjas weiteres Schicksal sind wir nicht absolut sicher. 52 Mann hoffen von ganzem Herzen, das sie nicht als Weihnachtsschinken enden musste. Die später erhaltenen Berichte deuten auch nicht darauf hin. Wir hörten zuletzt, dass sie die Stammesmutter von vielen kleinen Ferkeln geworden war. Es wurde uns berichtet, das sie zunächst unter ihrer Würde empfand mit Ihresgleichen zusammenzuwohnen. Sie bestand darauf, zusammen mit den Menschen im Wohnhaus zu wohnen. Später hat denn wohl die Natur ihr Recht gefordert.

Sonja hat vielleicht mit dazu beigetragen, dass wir den Krieg überlebt haben. Allein ihre Gegenwart war Balsam für unsere hart angespannten Nerven. Von uns allen erfuhr sie eine liebevolle Behandlung.

Text: Hans Widing

Quelle:

  • Bootsordner U 992

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Recherche: Rainer Stührenberg