Strandgut – Januar

Deutsches U-Boot aus dem 1. Weltkrieg taucht vor der Opalküste aus dem Sand auf

Die Überreste von UC 61 vor Wissant im Dezember 2018, Foto: Geert Van Pamel, CC BY-SA 4.0

Anfang Januar wurden ca. 500 m vor dem beschaulichen französischen Badeort Wissant größere Wrackteile eines deutschen U-Boots aus dem 1. Weltkrieg von Meereströmungen aus einer Sandbank gewaschen. Der einheimische Fremdenführer Vincent Schmitt hatte schon seit Monaten auf Strandspaziergängen bei Ebbe das allmähliche Freispülen der Wrackteile beobachtet und Anfang Januar mit einem Beitrag auf Facebook beträchtliches Interesse, insbesondere bei französischen und internationalen Medien, ausgelöst. Wissant mit seinen knapp 1.000 Einwohnern liegt im äußersten Norden von Frankreich an der Küste der Straße von Dover. Durch die Trichterform des Ärmelkanals kommt es dort zu einem enormen durchschnittlichen Tidenhub von 6 m (zum Vergleich: offene See ca. 2,4 m, Altenbruch ca. 2,9 m). Bei Ebbe werden dadurch ausgedehnte Sandflächen vor der Küste frei, auf denen sich jetzt die Wrackteile zeigen. Vor über 101 Jahren wurde dem deutschen U-Boot UC 61 eben dieser starke Wechsel der Gezeiten zum Verhängnis als es wahrscheinlich durch fehlerhafte Navigation auf den Sandflächen strandete und von seiner Besatzung verlassen und gesprengt wurde. Seitdem sind die Wrackteile des U-Bootes immer mal wieder frei gespült worden, allerdings nie soweit, wie in diesen Tagen. Der Bürgermeister von Wissant Bernard Bracq führt dies neben den Gezeiten auf die in letzter Zeit herrschenden Südwestwinde zurück, die den Sand vor der Küste nach Norden bewegen. Da die Wrackteile keine unmittelbare Bedrohung für die Bevölkerung oder die Umwelt darstellen, sehen die zuständigen französischen Behörden nicht vor, die Wrackteile zu bergen, eine Markierung erscheint allerdings sinnvoll, um zu vermeiden, dass Wind- oder Kitesurfer damit kollidieren. Von den Wrackteilen sind zwar keinerlei archäologische Funde oder irgendwelche Erkenntnisse zu erwarten, sie strahlen aber etwas von der Faszination U-Boot aus, das im Januar zahlreiche Schaulustige anlockte.

UC 61 war ein Minen-U-Boot vom Typ UC II der Flandern-Flotille. Nach einer Bauzeit von nur acht Monaten wurde es am 13. Dezember 1916 bei der AG Weser in Bremen durch seinen Kommandanten Georg Gerth in Dienst gestellt. Nach einer kurzen Ausbildungszeit in der Nordsee fuhr es zum Einsatz nach Flandern. Auf fünf Unternehmungen im Zeitraum von März bis Juli 1917, die das Boot neben dem Ärmelkanal auch bis an die Küste der Bretagne geführt haben, versenkte es insgesamt 12 Schiffe und beschädigte 3 weitere. Nur zwei dieser Schiffe sanken auf von UC 61 gelegten Minen, der Rest wurde durch Torpedos, Geschützfeuer oder von einem Enterkommando gelegten Sprengladungen versenkt bzw. beschädigt.

Am diesigen Nachmittag des 25. Juli lief UC 61 aus Zeebrügge zu seiner sechsten Unternehmung aus. Sein Auftrag war, auf den Royal Sovereign Shoals vor Hastings, vor Newhaven und vor Brighton Minen zu legen und anschließend auf dem Ärmelkanal Handelskrieg zu fuhren. Es war die Absicht des Kommandanten, auf dem Marsch in das Operationsgebiet dicht an der französischen Küste die ausgedehnten Minenfelder und Netzsperren in der Straße von Dover zu passieren. Schon kurz nach dem Erreichen der ersten Netz- und Minensperren zog dichter Nebel auf. Ein Umkehren oder Auf-Grund-Legen des Bootes erschien Gerth nicht ratsam, weshalb er den Kurs ohne jede Möglichkeit der Orientierung fortsetzen ließ. Gerade als er meinte, auf seinem Kurs bereits einige Seemeilen über das Kap Griz Nez zwischen Calais und Boulogne-sur-Mer hinaus zu sein, lief UC 61 gegen 5 Uhr morgens plötzlich auf Grund. Sämtliche Versuche, wieder frei zu kommen, wobei die Maschinen und Gewichtsverlagerung eingesetzt bzw. der Inhalt der Regelzellen bzw. einiger Treibstoffbunker ausgepumpt wurden, schlugen fehl, während der Wasserstand um das gestrandete U-Boot durch Ebbe schnell abnahm. Gerth ließ daher das Boot zur Sprengung durch zwei Torpedos und 30 Sprengpatronen vorbereiten, alle geheimen Unterlagen vernichten, einen Funkspruch über die aussichtslose Lage an das Hauptquartier in Brügge übermitteln und instruierte seine Besatzung, was sie nach der unausweichlich erscheinenden Gefangennahme auszusagen hätten und was nicht.

UC 61 kurz nach der Sprengung

Als sich Gegen 6 Uhr der Nebel lichtete, wurde das Boot von einem französischen Zollaufseher gesichtet, der sofort in der Nähe stationierte belgische Truppen alarmierte. Kurz darauf gingen eine belgische Kavallerieeinheit mit ein bis zwei Kompanien Infanterie an der Küste in Stellung, verhielten sich aber zunächst abwartend. Von See her näherten sich vier englische Zerstörer, die später in so geringer Entfernung zu UC 61 wie möglich ankerten. Als gegen 7 Uhr morgens das Wasser nur noch knapp 1,2 m hoch um das U-Boot stand, näherten sich belgische Soldaten. Gerth ließ die Zeitzünder der Sprengpatronen aktivieren und ging mit seiner Besatzung an Land. Die Detonationen rissen das Boot auseinander. Die Batterien und die Treibölbunker sollen noch für Stunden gebrannt haben. Gerth wurde mit seiner gesamten Besatzung von 25 Mann in Kriegsgefangenschaft genommen. Die Überreste von UC 61 wurden zunächst vom Militär eingehend untersucht und alles, was von militärischem Wert erschien, entfernt. Dabei ist den Entente-Truppen angeblich auch ein deutsches Horchgerät, was zur damaligen Zeit absolute Hochtechnologie darstelle, in die Hände gefallen. Danach wurden die Überreste an einen Bewohner von Wissant verkauft, der daraus größere Menge Bronze und Kupfer bergen konnte. Später versanken sie im Sand und gerieten langsam in Vergessenheit.

Quelle:

  • KTBs UC 61 im U-Boot-Archiv

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