SM U 155 kämpft den Transportkreuzer Sterope nieder

Unter den zahllosen Kriegserfolgen der deutschen U-Boote im 1. Weltkrieg bleibt die Niederkämpfung des italienischen Transportkreuzers Sterope durch den deutschen U-Kreuzer SM U 155, dem vorherigen Handels-U-Boot Deutschland, besonders bemerkenswert, weil sie nicht überraschend durch Torpedotreffer sondern in einem Überwasserartilleriegefecht von über 1 Stunde Dauer erfolgte, obwohl der Gegner an Geschützzahl, Geschwindigkeit und Manövrierfähigkeit erheblich überlegen war.

Der Kommandant, Korvettenkapitän Erich Eckelmann, berichtet darüber wie folgt:

Nach nahezu 3 monatlicher Kriegführung in dem Gebiet zwischen der spanisch-afrikanischen Küste und den Azoren gegen den Handelschiffverkehr nach dem Mittelmeer, wobei 52.000 BRT Schiffsraum mit Ladung versenkt wurde, war es Zeit , an die Heimreise zu denken, wenn der Brennstoff bis Kiel reichen sollte. Zuvor mussten die Motoren gründlich überholt werden, um mit höchster Geschwindigkeit (an der Eckernförder Meile 10 sm, im Atlantik bei normaler Dünung und Seegang etwa die Hälfte) und ohne Maschinenversager das besonders gefährdete Gebiet der Färöer, der Nordsee und des Kattegat durchlaufen zu können. Diese Überholung beanspruchte für jeden Motor 3-4 Tage, während welcher Zeit nur eine Maschine verwendungsbereit war, wodurch die Überwassergeschwindigkeit auf etwa 5 sm herabgesetzt und die so schon mangelhafte Manövrierfähigkeit noch weiter verschlechtert wurde. War ein Gefecht unter solchen Umständen schon keine reine Freude, so brachte es außerdem Unterbrechung der Überholungsarbeiten mit sich, die mit Rücksicht auf den Brennstoffbestand nicht länger als 8 Tage dauern durften. Ich verlegte daher unseren Standort auf etwa 250 sm westlich Lissabon, wo ich weniger Verkehr annahm.

SM U 155 im Jahre 1918. Vor und hinter dem Turm sind seine beiden 15 cm Geschütze zu erkennen. links vom Turm steht eine Person und lässt einen Größenvergleich zu.

Drei Tage verliefen auch ruhig, bis am 17.04 – einem Sonntag – morgens 7.20 Uhr die Meldung „Dampfer in 270 Grad“ die Stille unterbrach. Der Dampfer fuhr rauchlos und war grau gemalt, weshalb er später als gewöhnlich entdeckt worden war und kam sehr schnell näher. Er hatte Kurs direkt auf uns zu, ein selten günstiges Angebot für einen Unterwasserangriff, das natürlich mit Freude begrüßt wurde, wenn es auch in das Programm nicht hineinpasste. Es war gerade noch Zeit das Boot unter Wasser zu bringen und auf Kurs für Torpedoangriff als er auch schon in der für genauere Beobachtung durch das Sehrohr erforderlichen Nähe war. Er sah aus wie ein Handelsdampfer von 8-10.000 BRT, auffällig war auch seine für ein solches Schiff ungewöhnliche Geschwindigkeit, die ich auf 16 sm schätzte. Sehr peinlich war nun, das ich keine Bewaffnung erkennen konnte. Da fast alle bisher angetroffen Dampfer mit Geschützen ausgerüstet waren, konnte gar nicht zweifelhaft sein, das auch dieses hochwertige Schiff Geschütze führte, die aber gut maskiert waren. Durfte ich nun den im Gange befindlichen Torpedoangriff durchführen? Eine schwere Frage. Wir befanden uns außerhalb des Sperrgebietes, und ich durfte hier nach den Bestimmungen für die Führung des U Bootkrieges einen unbewaffneten Dampfer nicht kurzer Hand abschießen, sondern musste ihn anhalten und untersuchen. Das bedeutete in diesem Fall: Das Boot im Artilleriegefecht aufs Spiel setzen mit sehr zweifelhaften Aussichten auf Erfolg im Gegensatz zu sehr wahrscheinlichem Erfolg ohne Gefährdung des Bootes beim Unterwasserangriff. So unsinnig die Sache auch war, es half nichts, gegen meine Überzeugung musste ich nicht aus Kriegsnotwendigkeit, sondern um einer papiernen Bestimmung zu genügen, das ganze Boot einsetzen und zwar in allerschärfster Form, wenn ich den Erfolg erzwingen wollte. Die Bugrohre waren schon fertig: ich befahl „Fertig zurück“ lief den Angriffskurs weiter, schor in das Kielwasser des Feindes ein und tauchte sofort auf, in der Hoffnung, das der feindliche Ausguck eine Gefahr achteraus am wenigsten vermuten und seine Aufmerksamkeit vorausgerichtet haben würde. Der Bugschuss wäre auf 3-400 m gefallen, als ich aus dem Turmluk stieg, betrug die Entfernung 1.800 m, und sie war auf 3.000 m gewachsen, als nach 2 Minuten 7:52 Uhr der erst Warnschuss aus den vorderen Geschütz fiel.

Bis dahin war U 155 von dem Dampfer nicht gesehen worden. Auf den Schuss hin drehte er etwas ab und eröffnete sofort aus 3 Geschützen ein lebhaftes Feuer, dessen Einschläge sehr bald in nächster Nähe des Bootes lagen, so dass nur energische Zick-Zack Kurse und sonst der liebe Gott vor Treffern bewahren konnten. Ich hatte gar keine andere Entwicklung erwartet; vielleicht Berlin!? Ein einziger Treffer, selbst ein Sprengstück in die Bunker hätte genügt, U 155 zu erledigen; schon einfacher Ölverlust mit ihren Ölspuren hätten die Durchführung der Heimreise sehr in Frage gestellt.

U 155 wurde nach dem Ersten Weltkrieg als Beuteschiff nach London gebracht.

Dass nun der Gegner nicht zum Angriff überging, sondern glaubte, sich der Gefahr durch Davonlaufen entziehen zu können, war unsere Rettung und sein Verderben. Allerdings muss man seiner Überlegung zu Gute halten, das er einer solchen Auslese von hervorragenden Geschützführern und einer so aufeinander eingearbeiteten, gefechtsgewohnten Besatzung, von der jeder einzelne mehr als seien Mann stellte, vorher kaum begegnet sein wird. Mit aufs Höchste gesteigerter Geschwindigkeit versuchte der Dampfer unter Einlegen von Zickzack Kursen zu entkommen, wobei er feuerte, was 3, zeitweise auch alle 4 Geschützt schaffen konnten. Wir waren auch nicht müßig mit unseren beiden 15 cm Geschützen und konnten mehrere Treffer am Ziel beobachten, während wir selbst von Treffern verschont blieben, trotz häufig bedrohlicher Nähe der Einschläge. Nach 45 Min. war die Entfernung auf 104 hm gewachsen und 140 Schüsse waren gefeuert, als unser vorderes Geschütz ausfiel (Materialbruch). Mit dem achteren wurde nun allein weitergefeuert. Da der Gegner drei mal so schnell als wir lief und die Entfernung bisher entsprechend zugenommen hatte, war uns sehr erfreulich, das sie plötzlich anfing abzunehmen. Kurz darauf stellte der Gegner sein Geschützfeuer ein, worauf auch wir mit feuern aufhörten (9 Uhr).

Beim Näherkommen erkannten wir, dass er gestoppt liegt, in den Toppen weiße Flaggen gesetzt hatte und das die ganze Besatzung in 13 Booten in der Gegend umher trieb. Aus einem der Boote wurde um Hilfe für einen verwundeten Offizier gerufen: wir nahmen ihn an Bord, und unser Schiffsarzt, vom Munitionsmannen noch kaum bei Atem, bemühte sich um ihn, als wäre er einer von uns: beide Beine waren ihm von Sprengstücken zerschmettert. Zu unserer Freude stellten wir nun fest, dass unser Gegner kein Handelsschiff sondern ein italienisches Kriegsschiff – der Transportkreuzer Sterope – war. Die Italiener, 132 Mann Marinebesatzung, waren Hals über Kopf in die Boote geflüchtet, teils in Zivil, teils nur in Unterzeug wohl in der Befürchtung, dass sie in Uniform schlechter behandelt werden würden. Da sie immerhin 250 sm bis zur nächsten Küste in ihren Booten zurücklegen mussten (wenn sie nicht unterwegs aufgenommen würden), gestattete ich die Vervollständigung ihrer Bekleidung und Proviantausrüstung und entließ sie dann.

Die Besichtigung an Bord der Sterope ergab, dass 12 Treffer zwar eine starke Verwüstung angerichtet hatten, von wirklich wichtigen Teilen aber nur die Ruderleitung zerschossen war, ein Schaden der hätte repariert werden können. Im übrigen: 2 intakte Maschinen, Geschwindigkeit über 15 sm, 4 gute 7,5 cm Schnelladegeschütze mit moderner Befehlsübermittlungsanlage und Messgerät, moderne große FT Station, dazu eine Ladung von 5.500 t Heizöl. Schon glaubten wir, einen idealen Kreuzer für den Handelskrieg erbeutet zu haben. Aber der Traum, U 155 mit dem notwendigsten Personal nach Hause zu schicken und mit dem größten Teil der Besatzung auf Sterope überzusteigen, war zu schön und konnte zu unserem Bedauern nicht verwirklicht werden, weil die Kessel nicht von der Öl-Ladung gefeuert werden konnten. Diese hatten nur Einrichtung für Kohlen-Feuerung, und der Kohlenbestand betrug nur noch 200 Tonnen. So blieb auch für dieses schöne Schiff nur der Weg der Vorgänger: es wurde versenkt. Aber erst nachdem 2 Geschütze geborgen und unser Prisenkommando überall gründlich abgesucht hatte. Dabei wurden unter den Leichen der Kommandanten und des 1. Offiziers auf der Brücke im Kartenhaus zwischen Trümmern wertvolle Geheimsachen gefunden, die unserer Seekriegsleitung sehr willkommen und nützlich waren. Auch die Kriegsflagge fand sich dort in ihrer schönen, bleibeschwerten Truhe.

Die Lehren aus diesem Gefecht sind nicht neu und werden auch den Italienern bekannt sein:

Stets den Bug auf die Gefahr nehmen, nie das Rennen aufgeben,
mit den Schrauben weitersteuern, wenn das Ruder versagt,

das Schiff nicht verlassen solange es noch schwimmt,
die Geheimsachen, und nicht zuletzt die Flagge vor Feindeshand bewahren!

Aber Wissen und Durchführen ist eben zweierlei. Ganze Männer sind dazu erforderlich. Möchten unsere deutschen Kriegsschiffe nie an solchen Männern Mangel haben.