Strandgut – November

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Argentinisches U-Boot ARA San Juan im Südatlantik verschollen

Am 15. November verlor die argentinische Marine den Funkkontakt zu ihrem U-Boot ARA San Juan. In der Folge lief eine beispiellose internationale Such- und Rettungsaktion, an der sich über 30 Schiffe und Flugzeuge aus 16 Nationen, darunter auch Deutschland, beteiligten, die aber zunächst keinerlei Hinweis auf das Schicksal des U-Bootes und seiner Besatzung hervorbrachte. In dieser Ausgabe des Strandgutes soll zunächst eine genaue Chronologie der Ereignisse gegeben werden, die nicht nur die an der Basis der San Juan in Mar del Plata versammelten Angehörigen der Besatzung für zwei Wochen in ein Wechselbad der Gefühle zwischen Hoffen und Bangen tauchten.

Die ARA San Juan in ihrem Stützpunkt Mar del Plata im Jahre 2007. Foto: Martin Otero, CC BY 2.5

6.-9. November – Teilnahme Etapa de Mar III

Die ARA San Juan nahm neben zwei Zerstörern, einer Korvette, einem Transportschiff sowie einem Eisbrecher nebst Marinefliegern und -infanterie an dem Manöver Etapa de Mar III der argentinischen Marine teil. Der Höhepunkt dieser Übung, die im Beagle-Kanal, einer natürlichen Wasserstraße ganz im Süden von Feuerland, die den Atlantik mit dem Pazifik verbindet, stattfand, war sicherlich die Versenkung der ARA Comodoro Somellera durch eine von einem der teilnehmenden Zerstörer abgefeuerte scharfe Exocet-Rakete. Die im zweiten Weltkrieg für die US-Navy gebaute Comodoro Somellera war ein ausgedienter Rettungsschlepper der argentinischen Marine. Sie wurde nachdem sie 1998 während eines Sturmes im Hafen von Ushuaia, der südlichsten Stadt Argentiniens, gesunken war wieder gehoben, um als Zielschiff verwendet zu werden. Die Übung fand vor dem Hintergrund erneuter Spannungen mit Großbritannien statt, die durch eine britische Militärübung Ende Oktober auf den immer noch von Argentinien beanspruchten Falklandinseln verschärft wurden. Nach Beenden der Übung legte die San Juan mit an der Übung beteiligten Einheiten zu einem Flottenbesuch in Ushuaia an, bevor sie den Rückmarsch zu ihrer Heimatbasis in Mar del Plata antrat.

Mittwoch, 15. November – letzter Funkkontakt

Ungefähr auf halber Strecke zwischen Ushuaia und Mar del Plata, ca. 200 sm vor der argentinischen Küste kam es am 15.11. zu einem letzten Funkkontakt zwischen der San Juan und dem Kommando der argentinischen U-Boote.

Donnerstag, 16. November – Beginn der Suche

Nachdem sich die San Juan nicht wie befohlen per Funk gemeldet hatte, startete die argentinische Marine eine Suchaktion mit zwei ihrer Korvetten und einem Flugzeug.

Freitag, 17. November – internationale Hilfe

Um über die Suchaktion besser auf dem Laufenden zu bleieben, reiste der argentinische Präsident Mauricio Macri in seine Sommerresidenz Chapadmalal in der Nähe von Mar del Plata. Angehörige der Besatzung der San Juan begannen, sich an der Marinebasis Mar del Plata einzufinden, um an Informationen zu gelangen. Eigens für diese Familien wurde ein Kommunikationsteam eingerichtet und Psychologen ihrer Betreuung aus Buenos Aires geholt. Auch der argentinische Verteidigungsminister begab sich nach Mar del Plata und richtete dort seine Einsatzzentrale ein. Das International Submarine Escape and Rescue Liaison Office (ISMERLO) in Northwood/Großbritannien wurde informiert und eine internationale Rettungsaktion in Gang gesetzt. Das ISMERLO wurde 2003 vor dem Hintergrund des Unterganges des russischen U-Bootes Kursk eingerichtet und soll U-Boot-Rettungsaktionen international koordinieren und somit ein schnelles, globales Eingreifen bei U-Boot-Unglücken in Friedenszeiten ermöglichen.

Samstag, 18. November – die Iridium-Signale

Als die argentinische Marine bekannt gab, sieben Signale von Satellitentelefonen aufgefangen zu haben, die von der Besatzung der San Juan gestammt haben könnten, flammte die Hoffnung, das U-Boot mit seiner Besatzung doch noch zu finden, auf. Zwischen 10:52 und 15:42 Uhr seien sieben versuchte Satellitenanrufe von einer Dauer zwischen 4 und 36 s aufgefangen worden. Die Signale seien sehr schwach gewesen, es konnte keine Satellitenverbindung hergestellt werden.

Sonntag, 19. November

Die argentinische Marine räumte ein, dass es keine eindeutigen Beweise dafür gäbe, dass die aufgefangenen Signale von der Besatzung der San Juan stammten. Sturm und 5-6 m hohe Wellen hätten die Rettungsaktion erheblich behindert, es war damit zu rechnen, dass sich die Wetterverhältnisse erst ab dem 21.11. bessern würden.

Montag, 20. November – Geräusche auf dem Meeresgrund

Hätte es sich bei dem Verschwinden der San Juan lediglich um ein Kommunikationsproblem gehandelt, hätte sie am 19. oder 20.11. in Mar del Plata eintreffen müssen. Sollte sie sich seit dem 15.11. unter Wasser befunden haben, würden ihre Sauerstoffvorräte, die für maximal 7 Tage reichten, sich langsam ihrem Ende zuneigen. Während die Suche nach dem vermissten U-Boot also in eine kritische Phase eintrat, keimte erneut für kurze Zeit neue Hoffnung auf, als die argentinische Marine bekannt gab, dass mehrere ihrer Schiffe sowie die Sonarbojen eines amerikanischen P-8A Poseidon Seeaufklärungsflugzeugs Geräusche aufgenommen hätten, von denen man mutmaßte, dass sie möglicherweise Klopfzeichen der unter Wasser in ihrem U-Boot eingeschlossenen Besatzung gewesen sein könnten. Als die argentinische Marine kurze Zeit später verlauten ließ, dass diese Geräusche wahrscheinlich natürlichen Ursprungs gewesen seien und nicht mir einem U-Boot in Verbindung gebracht werden konnten, zerstoben diese Hoffnungen. Die internationalen Bemühungen, die San Juan zu finden wurden trotz der anhaltend schlechten Wetterbedingungen intensiviert.

Eine P-8 Poseidon der US-Navy hebt am 22.11. vom argentinischen Bahia Blanca ab um an der Suche nach der San Juan teilzunehmen. Foto: US-Botschaft in Argentinien, CC BY-SA 2.0

Dienstag, 21. November –weitere falsche Fährten

Das Wetter besserte sich und die Suche wurde weiter verstärkt. Gegen 19:00 Uhr Ortszeit wurden vom an der Suche beteiligten britischen eisfesten Patrouillen- und Forschungsschiff HMS Protector eine orangene und zwei weiße Leuchtraketen gesichtet, die aber letztlich auch nicht mit der San Juan in Verbindung gebrach werden konnten. Inoffizielle Marinequellen berichteten außerdem von einem Wärmefleck in etwas 70 m Wassertiefe, der in den letzten Stunden des 21.11. außerhalb des Suchgebietes von einem amerikanischen Flugzeug ausgemacht wurde. Die argentinische Marine schickte sofort Schiffe, um diesen Wärmefleck zu untersuchen, wollte dies jedoch nicht offiziell bestätigen.

Die HMS Protector. Foto: Brian Burnell, CC BY-SA 3.0

Mittwoch, 22. November

Während die Suchaktion unvermindert fortgesetzt wurde, erhielt die argentinische Marine erste Hinweise aus den Vereinigten Staaten auf eine hydroakustische Anomalie im Gebiet des Verschwindens der San Juan.

Donnerstag, 23. November – Die hydroakustische Anomalie

Als die argentinische Marine offiziell bekannt gab, von der Organisation des Vertrages über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen (CTBTO) Informationen über eine hydroakustische Anomalie, die sich mit den Informationen vom Vortag deckten und auf eine Explosion im Gebiet, in dem die San Juan vermisst wird hindeuten, erhalten zu haben, brachen viele der an der U-Boot-Basis in Mar del Plata versammelten Angehörigen der Besatzung des Bootes in Tränen aus und beleidigten vor der Presse die offiziellen argentinischen Stellen. Nach der Serie von falschen Fährten in den vorangegangenen Tagen schwand nun der Optimismus, der bis dahin unter den Angehörigen noch vorgeherrscht hatte.

Grafische Darstellung der hydroakustischen Anomalie aufgenommen von der CTBTO-Station HA10 auf Ascension. Bild: CTBTO

Mit dem Bekanntwerden des Verschwindens der San Juan begannen auch Forscher der CTBTO die Daten von zwei ihrer Stationen zur Hydroakustiküberwachung, die dem Seegebiet, in dem die San Juan vermisst wird, am nächsten liegen, auf Anomalien, die in Zusammenhang mit dem Verschwinden des U-Bootes stehen könnten, zu untersuchen. Insgesamt verfügt die CTBTO weltweit über 11 Stationen zur Hydroakustiküberwachung, welche die Ozeane mit speziellen Sensoren nach niederfrequenten Schallwellen abhören. Sie sind eines der vier Meßnetze des internationalen Überwachungssystems IMS, dass außerdem noch über Netze von Stationen zur seismischen bzw. barometrischen Überwachung sowie zur Detektion von Radionukliden verfügt. Alle Daten laufen im Internationalen Datenzentrum (IDC) in Wien zusammen und werden dort gespeichert, ausgewertet und den 183 Mitgliedsstaaten zugänglich gemacht.

Die zwei betreffenden Stationen zur Hydroakustiküberwachung befinden sich auf Ascension, das im Südatlantik zwischen Afrika und Südamerika liegt bzw. auf den Iles Crozet im südlichen indischen Ozean zwischen Madagaskar und der Antarktis. Grundsätzlich ist ihre Software sind auf das Aufspüren von nuklearen Explosionen ausgelegt, so dass die Forscher auf der Suche nach einem vergleichsweise kleinen Schallereignis, wie es von einem konventionellen U-Boot wie der San Juan ausgehen könnte manuell bzw. mit eigens eilig dafür programmierter Software ganz immense Datenmengen durchforsten mussten. So ist es zu erklären, dass die CTBTO erst am 23.11. bekannt gab, bereits am 15.11. ein ungewöhnliches Signal in der Gegend des Verschwindens der San Juan aufgefangen zu haben. Es habe sich um ein kurzes, spontanes Breitbandsignal, das keinerlei Ähnlichkeit mit Unterwassergeräuschen natürlichen Ursprungs, wie Erdbeben o.Ä. sondern einige Eigenschaften einer Explosion aufwies, gehandelt.

Freitag, 24. November

Mehr als 30 Schiffe und Flugzeuge und insgesamt mehr als 4.000 Personen aus 13 Nationen suchten inzwischen nach der San Juan. Das suchgebiet wurde auf rund 500.000 km², was ungefähr der Größe von Spanien entspricht, ausgedehnt. Deutschland ist bei der Suche mit einem seiner P -3 Orion Seeaufklärungsflugzeug vertreten gewesen.

Samstag, 25. November

Nach 11-tägiger Suche bestand immer noch die Hoffnung, die San Juan finden und ihre Besatzung retten zu können. Im Hafen von Comodoro Rivadavia wurde das norwegische Spezialschiff Sophie Siem fieberhaft umgerüstet, um ein amerikanisches Tauchboot für Tiefen bis zu 600 m aufnehmen zu können.

Sonntag, 26. November

Am Nachmittag konnte die Sophie Siem auslaufen um mit dem Tauchboot an der Suche nach dem vermissten U-Boot teilzunehmen

Montag, 27. November – der letzte Funkspruch der San Juan

Bildschirmfoto des argentinischen Fernsehsenders A24 mit der letzten Nachricht der San Juan

Die argentinische Marine veröffentlichte den letzten Funkspruch der San Juan. In diesem heißt es, dass ein Wassereinbruch über das Batteriebelüftungssystem einen Kurzschluss in den vorderen Batterien verursacht haben der zu einem Brand auf deren Anschlussleisten geführt hätte. Die vorderen Batterien seien daher außer Betrieb, so dass das U-Boot getaucht nur mit den achteren Batterien weitergefahren wäre. Besatzungsmitglieder wären dabei nicht zu Schaden gekommen.

Dienstag, 28. November

Der Sprecher der argentinischen Marine wies darauf hin, dass alle Beteiligten zu dieser Zeit „kritische und belastende Stunden“ durchleben würden. Die für den Fall der San Juan zuständige argentinische Bundesrichterin Marta Yañez beantragte von der Regierung die Aufhebung des Militärgeheimnisses, um auf Informationen der Marine zu diesem Fall zugreifen zu können.

Donnerstag, 30. November – das Ende aller Hoffnung

Die argentinische Marine gab an diesem Tag alle Hoffnung auf, die Besatzung der San Juan lebend zu finden und schloss die Rettungsaktion offiziell ab. Die Suche nach dem Wrack der San Juan wurde indes fortgesetzt.

Weblinks:

Fortsetzung im Strandgut – Dezember