Der Goldschatz

U 456 torpediert den britischen Kreuzer Edinburgh

Am 29. April 1942 um 04.00 Uhr MEZ verließ U 456, unter dem Kommando von Kapitänleutnant Max-Martin Teichert, das nordnorwegische Kirkenes zur 5. Unternehmung des Bootes. Währenddessen war am 26. April der Konvoi PQ-15, bestehend aus 25 Handelsschiffen, von Island ausgelaufen. Fast zur gleichen Zeit, am 28. April, lief von Murmansk der Konvoi QP-11 aus, bestehend aus 13 Handelsschiffen. Die Sicherung bestand aus vier Zerstörern, vier Korvetten und einem U-Jäger. Zur Nahsicherung des QP-11 zählte der britische Kreuzer HMS Edinburgh, das Flaggschiff des Kommandeurs des 18. Kreuzergeschwaders der Royal Navy, Rear Admiral Stuart Sumner Bonham-Carter, und die Zerstörer HMS Foresight und HMS Forester.

p239_1_01Gegen die zwei Konvois wurde am 29. April die U-Boot Gruppe “Strauchritter” mit dem VIIC-Booten U 88, U 251, U 405, U 436, U 456, U 589 und U 703 gebildet. Am Morgen des 29. April gewann die deutsche Luftaufklärung Fühlung am Geleitzug QP-11 und am Abend des Tages erreichte U 456 den zugewiesenen Vorpostenstreifen im Marinequadrat AC 5843. Etwa zur selben Zeit mar-schierte der Kreuzer HMS Edinburgh mit der Geschwindigkeit des Konvois von nur sechs Knoten ungefähr 100 Seemeilen nordöstlich der Position von U 456. Gegen 20.30 Uhr MEZ musste der Geleitzug, wegen der nahen Eisgrenze westwärts steuern, woraufhin die Edinburgh mit hoher Fahrt das

vorausliegende Seegebiet mehrfach aufklärte. Um 01.20 Uhr am 30. April wurde Kapitänleutnant Teichert das Sichten des Konvois im Quadrat AC 5924 durch U 88 gemeldet. Der Kommandant von U 456 schloss daraus, dass der Geleitzug einen nordwestlichen Kurs steuerte. Bei Beibehaltung des eigenen Nordwestkurses musste das U-Boot voraussichtlich spätestens am Vormittag des 30. April den Kurs des Konvois kreuzen. Tatsächlich kam um 10.12 Uhr die Meldung von der Brücke, dass eine Rauchfahne gesichtet worden sei. Mit einzelnen Kursänderungen versuchte der Kommandant das Boot langsam an das erkannte Ziel heranführen.

 

Kapitänleutnant Max-Martin Teichert, Kommandant von U 456, gefallen im Nordatlantik am 12. Mai 1943
Kapitänleutnant Max-Martin Teichert – Kommandant von U 456, gefallen im Nordatlantik am 12. Mai 1943

Um 11.20 Uhr stand U 456 im Quadrat AC 5554, als sie auf der Brücke des U-Bootes in südlicher Richtung einen Kreuzer beobachteten, der einwandfrei als Kreuzer der britischen “Belfast”- Klasse identifiziert wurde. Unverzüglich setzte Teichert einen Funkspruch an den vorgesetzten deutschen Admiral Nordmeer mit der Sichtmeldung des Kreuzers ab. Wenig später kam der Kreuzer zeitweise außer Sicht. Die Überlegungen des U-Boot- Kommandanten, dass der Kreuzer bald zur Aufklärung des vor dem Geleitzuges liegenden Seegebietes auf seinen ursprünglichen Kurs zurückkehren werde, sollte sich wenig später bestätigen. Um 15.10 Uhr näherte sich der Kreuzer wieder, zackte kurz darauf und kam mit Lage Null schnell über die Kimm und hielt direkt auf U 456 zu. Rasch ließ Teichert das Boot auf Sehrohrtiefe einsteuern, jedoch war das Angriffs-sehrohr wegen beschlagener Optik kaum benutzbar, weshalb das Boot nach Horchpeilung auf mitlaufenden Kurs gehalten wurde. Zunächst zackte der Gegner aber nach Süden weg, änderte aber nach zehn Minuten wieder den Kurs. Um 16.10 Uhr zackte der Kreuzer erneut auf U 456 zu. Im Sehrohr war er nur schwach und verschwommen zu erkennen. Schon lief er mit Lage 20, Kurs 180 Grad in 4.000 Meter Entfernung, dem U-Boot direkt vor die Rohre. Unverzüglich setzte U 456 zum Angriff an. In schneller Folge gab Kapitänleutnant Teichert einige Befehle zur Zielerfassung nach unten in die Zentrale durch. Dann folgte der Befehl: “Dreierfächer aus Rohr I, II und IV!” Die Klarmeldungen erfolgten fast umgehend.

Um 16.18 Uhr erteilte Teichert den für den Kreuzer so verhängnisvollen Feuerbefehl. Schließlich nach endlosen 80 Sekunden des Wartens, was einer ungefähren Entfernung von 1.200 Metern entsprach, hörten sie unter Wasser zwei kurz aufeinanderfolgende Torpedodetonationen. Teichert ließ das Sehrohr ausfahren, aber außer dunklen Flecken war nichts zu erkennen. Schließlich befahl der Kommandant um 16.32 Uhr aufzutauchen. Nach-dem sie das Boot an die Wasseroberfläche gebracht hatten, erkannte Teichert bei seinem Rundblick, dass der nach Steuerbord gedrehte Kreuzer in eine hohe gelbe Qualmwolke gehüllt war. Zudem hatte er Schlagseite nach Steuerbord und fuhr mit nur noch fünf bis sechs Knoten Fahrt langsam nach Nordosten ab. Der Versuch, den Kreuzer mit einem Fangschuss unter Wasser zu bringen, misslang, da sich drei Zerstörer mit hoher Fahrt dem wieder getauchten U-Boot näherten. Kapitänleutnant Teichert entschied, unter Wasser abzulaufen, um einen drohenden Wasserbombenangriff zu entgehen.

p239_1_02

Die Edinburgh, nach den beiden Torpedotreffern von U 456 mit dem Bug zwei Meter tiefer im Wasser liegend, mit nur zwei ihrer vier Schraubenwellen betriebsbereit und ohne Ruder, setzte sich langsam und mühevoll nach Osten ab. Gegen 06.00 Uhr des 01. Mai 1942 mussten die zwei begleitenden, sowjetischen Zerstörer wegen Brennstoffmangels den Rückmarsch antreten. Der Zerstörer HMS Foresight, der am Heck des Kreuzers festgemacht hatte, um diesen auf geraden Kurs zu halten, warf deshalb die Leinen los, um die Sicherung zu übernehmen. Schließlich wussten die Briten, dass ganz in der Nähe ein deutsches U-Boot sein musste und bei der Hartnäckigkeit des U-Boot-Kommandanten war es wichtig, dieses U-Boot zu finden und mit Wasserbomben unter Wasser zu drücken, damit es vorerst nicht mehr an den Kreuzer herankam. Inzwischen sich selbst überlassen, gierte die Edinburgh wie ein Trunkener von einer Seite zu anderen. Der Kommandant, Captain Hugh Webb Faulkner, setzte deshalb die Vormarschgeschwindigkeit auf zwei Knoten herab. Um 18.00 Uhr erhielt die Edinburgh Verstärkung durch den sowjetischen Schlepper Rubin und nochmals sechs Stunden später, durch die britischen Minensucher HMS Gossamer, HMS Harrier, HMS Niger und HMS Hussar. Da der Schlepper nicht stark genug war, um den 10.000 Tonnen-Kreuzer in Schlepp zu nehmen, machte dieser deshalb an Backbord vorne am Kreuzer fest. Mit der Gossamer achtern an der Schleppleine zur Kursstabilisierung konnte eine Fahrt von drei Knoten und ein einigermaßen gerader Kurs gehalten werden. Die übrigen Kriegsfahrzeuge bildeten einen größeren Kreis zur Sicherung des havarierten Kreuzer.

Am 02. Mai um 06.27 Uhr wurde die an der Steuerbordseite der Edinburgh fahrende Hussar plötzlich unter Artilleriefeuer genommen. Auf dem Minensucher erkannte man drei schnelle Kriegsschiffe, deren Silhouetten deutlich auf deutsche Zerstörer hinwiesen. Tatsächlich handelte es sich um die deutschen Zerstörer Z 7 Hermann Schoemann, Z 24 und Z 25, die den Befehl erhalten hatten, den britischen Kreuzer endgültig zu versenken. Rasch hatten die Zerstörer ihr Ziel ausgemacht und sie versuchten durch Einnebeln auf Torpedoreichweite heranzukommen. Aber ein kühnes Manöver der beiden britischen Zerstörer Foresight und Forester hinderte sie daran. Nachdem der Schlepper und die Gossamer vom Kreuzer abgelegt hatten, nahm dieser mit den 15,2-cm-Kanonen vom Turm B die deutschen Zerstörer unter Feuer. Bereits die zweite Salve traf die Hermann Schoemann und setzte den Zerstörer außer Gefecht. Es entwickelte sich nun ein heftiges Artillerieduell, in dessen Folge die Forester von drei Granaten des Zerstörers Z 24 getroffen wurde. Anschließend feuerte Z 24 vier Torpedos auf die Forester, die aber den britischen Zerstörer unterliefen und nun auf die Edinburgh zurasten, die außerstande war, irgendein Ausweichmanöver zu fahren. Schließlich traf einer der Torpedos Backbord mittschiffs, der sofort zur weiteren Schlagseite führte. Es schien nun offensichtlich, dass der Kreuzer jeden Augenblick auseinanderbrechen würde. Admiral Bonham-Carter befahl sofort der Gossamer, zur Übernahme der Verwundeten und der Besatzung längsseits zu kommen, obwohl die Artillerie des Kreuzer sich immer noch am Kampf beteiligte.

 

Die schweren Granaten des Kreuzers hinderten Z 24 vorerst noch daran, der Hermann Schoemann zur Hilfe zu kommen, um dessen Besatzung zu übernehmen. Mittlerweile aber war die Schlagseite der Edinburgh immer größer geworden. Als sie 17 Grad erreichte und die Geschütze nicht mehr auf den Gegner gerichtet werden konnten, gab Captain Faulkner den Befehl, das Schiff aufzugeben. Danach wurden 440 Mann der Besatzung von der Gossamer und 350 Seeleute, einschließlich des Admirals Bonham-Carter, von der Harrier übernommen, während die Hussar die Übernahme durch das Legen einer Nebelwand deckte. Inzwischen griffen Z 24 und Z 25 noch einmal an. Dabei entwickelte sich erneut ein heftiges Artillerieduell, wobei Forester mit gut liegenden Salven eingedeckt und die Foresight ebenfalls im konzentrierten Feuer der deutschen Zerstörer lag. Binnen kurzer Zeit erhielt Foresight vier direkte Treffer, so dass nur noch ein Geschütz klar blieb. Doch die beiden deutschen Zerstörer verzichteten darauf, Foresight den Todesstoß zu versetzen, um ihrerseits die Besatzung der Hermann Schoemann zu retten. Nachdem Z 24 den größten Teil der Besatzung der havarierten Hermann Schoemann übernommen hatte, erfolgte die Selbstversenkung des Zerstörers.

p113_1_02Z 25, das die Rettungsaktion von Z 24 deckte, erhielt noch einen Treffer, der die Funkanlage zerstörte, meldete aber selbst noch einen Torpedotreffer auf den Kreuzer. Schließlich ließen die beiden unter Munitionsmangel leidenden deutschen Zerstörer von ihren Gegner ab und kehrten mit hoher Fahrt nach Kirkenes zurück. Der übrige Teil der Besatzung der Hermann Schoemann, die noch im Rettungsboot in der Barentssee trieben, konnten von U 88 gerettet werden. Für die Edinburgh jedoch gab es keine Rettung mehr. Ein Bergungsversuch war vollkommen aussichtslos. Schließlich befahl Admiral Bonham-Carter der Foresight, den Kreuzer mit dem letzten verbliebenen Torpedo des Zerstörers zu versenken. Nachdem der Torpedo der Foresight das Kriegsschiff an Backbord getroffen hatte, kenterte die Edinburgh wenig später über Backbord und versank innerhalb zwei Minuten mit dem Heck voran in der eisigen Barentssee. Die Edinburgh sank auf Position 72°04′ Nord und 35°01′ Ost, 57 gefallene Seeleute gingen mit in die Tiefe, das Wrack kam dann auf etwa 260 Meter Wassertiefe auf dem Grund zum Liegen. Der übrig gebliebene britische Verband nahm Kurs auf die Kola-Bucht, die am 3. Mai 1942 erreicht wurde.

 

Erst nach dem Ende des Krieges wurde bekannt, dass mit der Edinburgh fünf Tonnen Gold auf den Grund der Barentssee gesunken waren. Es war der Staatsschatz des Zaren, den der britische Kreuzer an Bord hatte. Mit den 465 Goldbarren, die den Doppeladler des Zaren als Siegel hatten, wollte Stalin einen Teil der Waffenlieferungen aus den Vereinigten Staaten bezahlen. Nun lagen die Goldbarren in 93 unscheinbaren Kisten an Bord der Edinburgh.

Obwohl das britische Kriegsministerium die Edinburgh offiziell zum Kriegsgrab erklärte, dessen Ruhe nicht gestört werden durfte, gab man den Gedanken einer Hebung des Goldes nicht auf. Trotzdem schien jahrelang der Goldschatz für immer verloren zu sein, auch als 1957 die britische Regierung ihr Verbot, zum Wrack hinunterzutauchen, teilweise lockerte. Aber erst die neue Tiefseetechnik, die gerade zur Ausbeutung der Öl- und der Erdgasfelder in der Nordsee erprobt wurde, ließ das in 260 Meter Tiefe liegende Gold wieder in den Blickpunkt rücken. 1981 schließlich – 39 Jahre nach dem Untergang der Edinburgh, gelang es der schottischen Bergungsfirma “Wharton Williams” zwischen dem 4. September- und dem 5. Oktober insgesamt 431 Goldbarren aus dem Wrack der Edinburgh zu holen. Nach dem Ende der Bergungsaktion, wurde zuerst sowjetischen Beamten in Murmansk die ihnen zustehenden 159 Goldbarren übergeben, während die restlichen 272 Goldbarren in der Bank von England deponiert wurden. Damit war die erste Goldhebungsaktion an der Edinburgh, als Operation “Greyhound” bezeichnet, abgeschlossen.

Die zweite Goldbergungsaktion begann am 3. September 1986 und endete bereits am 12. September, nach dem die Taucher 29 weitere Goldbarren gefunden hatten. Die noch fehlenden fünf Goldbarren waren nicht mehr auffindbar. Erneut überreichte man den sowjetischen Vertretern in Murmansk 16 Goldbarren, die restlichen 13 kamen nach England. Damit ging die Saga über das Gold der HMS Edinburgh zu Ende. Das ganze Gold, bis auf fünf Barren, war gehoben worden. Den Kreuzer stört wohl keiner mehr in seiner Ruhe und auch über dem Seemannsgrab der britischen Soldaten wird es in Zukunft still bleiben.

Bleibt noch die Geschichte von Kapitänleutnant Max-Martin Teichert und U 456. Die Versenkung der Edinburgh wurde ihm und seinem Boot U 456 zugeschrieben, obwohl er den Kreuzer nur torpediert hatte. Aber man nahm auf der deutschen Seite an, dass der Kreuzer Edinburgh infolge der schweren Beschädigungen durch U 456 durch britische Kräfte selbst versenkt worden sei. Der Torpedotreffer von Z 24 und ein eventuell weiterer durch Z 25 waren damals nicht erwiesen.

Max-Martin Teichert führte mit U 456 noch weitere fünf Unternehmungen im Nordmeer und Nordatlantik durch. Am 12. Mai 1943 wurde U 456 im Nordatlantik durch eine “Liberator” des 86. Squadron der britischen Royal Air Force versenkt. Die ungefähre Versenkungsposition liegt auf 46°39’Nord und 026°54’West. U 456 war das erste U-Boot, das von einem “Mk XXIV”- Suchtorpedo getroffen und höchstwahrscheinlich durch diesem versenkt wurde. U 456 war ein Totalverlust, von der 49-köpfigen Besatzung gab es keine Überlebenden.

Für seine Leistungen im U-Boot-Krieg wurde Kapitänleutnant Max-Martin Teichert posthum am 19. Dezember 1943 mit dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet. Max-Martin Teichert konnte auf seinen zehn Feindfahrten mit U 456 sechs Handelsschiffe mit zusammen 31.721 BRT versenken. Außerdem wurde ihm, als Kommandant von U 456, die Versenkung des britischen Kreuzers Edinburgh, mit 11.500 Tonnen angerechnet.

Text: Hans-Joachim Röll – Fotos: Deutsches U-Boot-Museum